Nichts sei eine größere Herausforderung für einen Filmemacher, heißt es, als die Arbeit mit Kindern oder Hunden. Das ist nur die halbe Wahrheit: Richtig kompliziert wird es, mit Kindern zu arbeiten und dabei keine Sekunde außer Acht zu lassen, wie leicht und beschwingt sie durchs Leben gehen und wie bleischwer gleichzeitig ihre Entdeckung wiegt, dass die Welt der Eltern gar nicht so toll ist wie geglaubt, sondern Brüche und Kanten hat. Die frankokanadische Filmemacherin Léa Pool reizt es, dieses Spannungsverhältnis zwischen Kindheit und Erwachsensein in ganzer Tiefe auszuloten. Das hat sie schon in ihren früheren Filmen meisterhaft getan. Hier schildert sie nun aus den Augen dreier Geschwister einen sonnentrunkenen, bittersüßen Sommer im Québec der 60er-Jahre. Es geht um eine behütete Kindheit, die Risse bekommt, als Daddys Hang zu Männern auffliegt. Entsprechend ist der Ton zu Beginn komödiantisch, wenn man Elise, der Ältesten, dabei zusieht, wie sie barfuß aus dem Schulbus springt, wie sich ihr Bruder Coco in den Bau eines Gokarts vergräbt oder der fünfjährige Benoit seiner Umwelt mit seiner Fülle an Fragen ein wenig auf die Nerven geht. Je stärker Elise als Hauptfigur herausgearbeitet wird, desto ernster wird der Ton des zuvor so federleichten Films: Sie ist es auch, die die Affäre des Vaters entdeckt und die Mutter damit konfrontiert. Die fügt sich allerdings nicht in ihr Schicksal, sondern flüchtet in einen Job nach London; lässt ihren treulosen Mann sang- und klanglos mit der Verantwortung für die Kinder sitzen – böse, sehr effektive Rache einer Verschmähten. Laurent Lucas, nach Filmen wie HARRY MEINT ES GUT MIT DIR oder LEMMING bekannt als der furchtloseste aller französischen Schauspieler, ist vortrefflich als Mann, der sich mit der Lüge arrangiert hat und seine schwule Sexualität bisher für Tagungsreisen und Golfpartien aufsparen musste. Mit den Kindern am Hals, überfordert von Haushalt und Job, ist seine Perspektive noch desolater. Sein Bemühen der Erzieherrolle gerecht zu werden, ist nur bedingt von Erfolg gekrönt. Was verständlich ist. Wie überhaupt das Verhalten aller Beteiligten nachvollziehbar und aus der jeweils eigenen Sicht berechtigt ist. Pool versteht es, die Tragik und Nöte ihrer Figuren spürbar zu machen und zu zeigen, wie im sorgfältig gestrickten Familiengefüge die Tragödie des Einzelnen unweigerlich vom anderen abhängt. Gleichzeitig, und das ist das Bewegende daran, ist MOMMY IS AT THE HAIRDRESSER’S Lichtjahre davon entfernt, ein Problemfilm zu sein: Allein die Ausgestaltung des Québec der 60er-Jahre, angefüllt mit dem Sound und Feeling der Zeit, macht diese Coming-of-age-Story, die den Vergleich mit kanadischen Meisterwerken wie LEOLO und C.R.A.Z.Y. nicht zu scheuen braucht, zum Erlebnis. Und dass Léa Pool auch noch in den bittersten Momenten das Süße findet, im Finstersten das Licht, im Tragischen das Komische, lässt dem Zuschauer unweigerlich das Herz übergehen. Auch wenn Mama gar nicht beim Frisör ist. Sondern weg. Weit, weit weg.
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Frankfurt / 29 März / 17.45 Uhr / Metropolis 1
Köln / 28 März / 19.45 Uhr / Cinedom 10
München / 05 April / 15.30 Uhr / City